Ist zu viel Schlaf ungesund?

Ist zu viel Schlaf ungesund?

01.04.2017 von zuckerschnute
1727 mal gelesen 13 Follower

Ich dachte immer, Schlafen ist einfach nur gut für den Körper, weil sich dann alles erholt und regeneriert, aber neulich habe ich gehört, dass zu viel Schlaf sogar ungesund sein soll!

Ist da etwas Wahres dran? Und wenn ja, warum sollte das ungesund sein? „neutral“-Emoticon
Und wie viel Schlaf ist denn noch "nicht zu viel"? Woher soll man das wissen?

Antworten: 2

Beste Antwort
arthur
arthur 01.04.2017

Ganz allgemein gilt ein eher gemächlicher Lebensstil mit sehr viel Schlaf von 9 und mehr Stunden die Nacht (bei Erwachsenen) als ungesund. Der menschliche Körper ist von Natur aus auf Bewegung ausgelegt. Angeblich sterben Vielschläfer schneller. Allerdings muss man hier aufpassen, dass Ursache und Wirkung nicht verwechselt werden.

Schlafapnoe, Atemaussetzer im Schlaf, machen müde. Betroffene sind schläfrig und zeigen somit ein höheres Schlafbedürfnis.

Menschen mit Depressionen sind antriebsloser als andere. Daher ziehen sie sich häufig ins Bett zurück. Der vermehrte Schlaf wird mitunter für die Depressionen mit verantwortlich gemacht. Aber er könnte ebenso eine Folge der psychischen Erkrankung sein.

Studien in dieser Richtung sind, meiner Meinung nach, mit Vorsicht zu genießen. Hinter einem verstärkten Schlafbedürfnis kann eine Krankheit stecken.

Verdacht 1: Zu viel Schlaf macht depressiv

Erwachsene Menschen haben durchschnittlich einen Schlafbedarf von 7 – 8 Stunden. Schläft man dauerhaft mehr als 9 Stunden, kann das die Neigung zu Depressionen erhöhen. Das jedenfalls ist das Ergebnis einer Studie mit eineiigen Zwillingen (2014).

Von den Studienteilnehmern, die jede Nacht sieben bis neun Stunden schliefen, zeigten 27 % eine Neigung zu Depressionen. Bei der Kontrollgruppe, die neun und mehr Stunden Nachtruhe hielten, waren es 49 %. Bei Zwillingen wird davon ausgegangen, dass ihre Bedürfnisse, Vorlieben und Entwicklungen weitgehend deckungsgleich sind. Darum gilt dieses Ergebnis als ziemlich aussagefähig.

Bei schweren Depressionen wird Patienten tatsächlich auch Schlafentzug verordnet.

Verdacht 2: Zu viel Schlaf führt zu Übergewicht

Zu wenig Schlaf macht sich negativ auf der Waage bemerkbar. Zu viel Schlaf, wie kanadische Forscher herausgefunden haben wollen, angeblich auch. Eine Langzeitbeobachtung ergab, dass Studienteilnehmer, die mehr als neun Stunden schliefen schneller fünf Kilo zunahmen als diejenigen, die maximal neun Stunden schliefen. Das richtige Schlafmaß scheint also mit dem Körpergewicht zusammen zu hängen.

Verdacht 3: Zu viel Schlaf verschlechtert das Gedächtnis

In einer Studie in England (University College London) wurden 5000 Teilnehmern über fünf Jahre begleitet und ihre Gedächtnisleistung mit kognitiven Tests geprüft. Bei Schlafmangel und bei Schlafüberschuss sank ihre Gedächtnisleistung.

Verdacht 4: Zu viel Schlaf senkt die Fruchtbarkeit

In einer koreanischen Studie wurden 650 Frauen untersucht, die durch künstliche Befruchtung schwanger werden wollten. Schliefen die Probandinnen durchschnittlich 6-9 Stunden, glückte jede zweite künstliche Befruchtung. Bei den Frauen, die länger als neun Stunden ruhten, lag die Erfolgsquote bei 43 %.

lena2000
lena2000 01.04.2017

Und wie viel Schlaf ist denn noch "nicht zu viel"? Woher soll man das wissen?

Wie viel Schlaf normal ist, hängt vom Lebensalter ab. Forscher haben dazu grobe Richtlinien ermittelt.

Lebensalter und optimale Schlafdauer

  • Babys (0-3 Monate): 14–17 Stunden
  • Säuglinge (4-11 Monate): 12–15 Stunden
  • Kleinkind (1-2 Jahre): 11–14 Stunden
  • Vorschulkinder (3-5 Jahre): 10–13 Stunden
  • Erste Schuljahre (6-13 Jahre): 9–11 Stunden
  • Teenager (14-17 Jahre): 8–10 Stunden
  • Erwachsene (18-64 Jahre): 7–9 Stunden
  • Senioren (65+): 7–8 Stunden

Das sind grobe Richtwerte. Das individuelle Schlafbedürfnis kann davon abweichen und etwas weniger oder mehr Stunden betragen. Ich bin 18 und schlafe 9 Stunden, am Wochende sind es auch mal 10.

An der Universität von Warwick wertete Franco Cappuccio, Professor für kardiovaskuläre Medizin und Epidemiologie, die Daten von über einer Million Menschen aus. Sie hatten ihre Schlafgewohnheiten schriftlich erfasst. Der Forscher kategorisierte sie in drei Gruppen:

  1. Kurzzeitschläfer mit weniger als 6 Stunden Schlaf / Nacht
  2. Langzeitschläfer mit mehr als 8 Stunden Schlaf / Nacht
  3. Normalschläfer mit 6–8 Stunden Schlaf / Nacht

Ergebnisse:

Bei den Kurzschläfern gab es 12% mehr Todesfälle, bei den Langzeitschläfern 30% mehr Todesfälle als bei den Normalschläfern.

Cappuccio geht aber nicht davon aus, dass langer Schlaf tödlich ist. Er nimmt an, dass die Schlafdauer nicht Ursache, sondern vielmehr Anzeichen einer Krankheit ist. Körperliche oder seelische Probleme führen oft zu einem stärkeren Ruhebedürfnis.

Darüber sind sich Wissenschaftler aber nicht einig. Andere Forscher behaupten, der Schlaf selbst wirke sich negativ aus.

Ich sehe noch ein anderes Problem: Wie realistisch sind eigentlich die erfassten Zeiten? Wenn Menschen ihre Schlafgewohnheiten aufschreiben sollen, machen einige das sicher gewissenhafter und ehrlicher als andere.

Dazu kommt, dass man doch oft gar nicht weiß, wie lange und wie viel oder wie gut man wirklich geschlafen hat.

Damit solche Studien wirklich etwas aussagen, müsste man die Menschen erst gründlich körperlich und seelisch untersuchen. Sind sie gesund, müsste man sie über Jahre im Schlaflabor begleiten und ihr Schlafverhalten professionell auswerten. Aber nicht einmal das reicht, denn was sie essen, trinken, konsumieren, ob sie sich bewegen oder nicht, weiß man dann immer noch nicht...

Studien in dieser Richtung sind, meiner Meinung nach, mit Vorsicht zu genießen. Hinter einem verstärkten Schlafbedürfnis kann eine Krankheit stecken.

@arthur: Ich bin da auch total skeptisch. Für mich sagen alle diese Schlafstudien nicht viel aus.

Anzeige

Suchtags

© 2023 werweiss.de