Woran erkennt man eine Depression?

Woran erkennt man eine Depression?

06.05.2017 von chinesenspuk
3827 mal gelesen 15 Follower

Woran merkt man eigentlich, dass man depressiv ist? Ich gehe ganz normal zur Arbeit, unterhalte mich da mit Menschen, aber ich fühle mich trotzdem leer und habe keine Lust, in meiner Freizeit etwas zu unternehmen. Zu Hause darf mich keiner besuchen, weil ich einfach den Dreh zum Aufräumen nicht finde. Da sehe ich einfach keinen Sinn drin.
Meistens lasse ich nach Feierabend einfach den TV laufen, verfolge aber nicht so richtig, was da passiert. So fließt ein Tag in den anderen. Manchmal gehe ich schon in die Disko, tanze und habe dann auch Spaß. Aber danach ist alles wie vorher.
Ich habe keine aktiven Suizidgedanken. Darum dachte ich, dass ich bestimmt nicht depressiv bin. Was meint ihr? Woran erkennt man Depressionen? Gibt es auch Depressive, die nicht sterben wollen? (Also, ich hätte damit kein Problem. Aber ich plane nicht, mich selbst zu töten.)
Ich bin gespannt auf eure Antworten.
Tanja (31)

Antworten: 5

Beste Antwort
arthur
arthur 06.05.2017

Zunächst einmal finde ich sehr gut, dass du so offen von dir erzählst. Ich glaube auch, dass du unter einer Depression leidest. Die Anzeichen sind meiner Meinung nach sehr deutlich: Rückzug aus dem sozialen Leben, du empfindest nur kurzfristig so etwas wie Spaß und Freude und ziehst dich dann wieder zurück. Und du hast Schwierigkeiten, deinen Alltag (Hausarbeit) zu bewältigen. Auch die Art, wie du schreibst, dass du zwar nicht "aktiv" sterben willst, aber "kein Problem" damit hättest zu sterben, finde ich sehr besorgniserregend. Von da aus ist es bis zu Suizidgedanken vielleicht nicht mehr allzu weit.

Ich denke, dass du Hilfe brauchst. Wende dich an einen Psychiater (schau im Internet in deiner Gegend) und bitte um einen Gesprächstermin. Du kannst auch deinen Hausarzt fragen, ob er dir jemanden empfehlen kann. Dort einen Termin zu bekommen, ist oft nicht ganz so leicht. Das ist meistens mit Wartezeit verbunden. 

Deine eigentliche Frage war allerdings, woran genau man eigentlich eine Depression erkennt.

Die Diagnose „Depression“ wird heute meistens nach ICD-10 (International Classification of Diseases) gestellt. Es gibt demnach drei Hauptsymptome und sieben Zusatzsymptome, die man zur Diagnosestellung in den Blick nehmen muss. Nicht alle müssen zutreffen und nicht alle müssen intensiv ausgeprägt sein.

Hauptsymptome

  1. Negative, depressive Stimmung, Gefühle der inneren Leere
  2. Interessensverlust, keine Fähigkeit zu Freude oder Trauer
  3. Schnelles Ermüden, wenig Energie (Antriebshemmung). Die Antriebshemmung kann so stark ausgeprägt sein, dass sogar die Körperpflege vernachlässigt wird.

Zusatzsymptome

  1. Reduzierte Konzentrationsfähigkeit, geringe Aufmerksamkeitsspannen
  2. Geringes Selbstwertgefühl, kaum/kein Selbstvertrauen
  3. Starke Schuldgefühle und Minderwertigkeitsgefühle
  4. Negative Zukunftsvorstellungen
  5. Suizidgedanken und/oder Suizidversuche (Das Leben wird als sinnlos erlebt).
  6. Schlafstörungen
  7. Appetitlosigkeit

Ergänzend kann ein somatisches Symptom dazu kommen

  • Verlust von Interessen und/oder Freude
  • Keine emotionale Reaktion auf das Umfeld
  • vorzeitiges Erwachen (zwei oder mehr Stunden vor der „normalen“ Zeit). Dieser gestörte 24-Stunden-Rhythmus ist relativ typisch.
  • „Morgentief“: Meistens geht es Betroffenen morgens besonders schlecht. Seltener ist die Variante anders herum: Dann haben Betroffene ein „Abendtief“. Dadurch wird das Einschlafen erschwert und ist oft erst in den Morgenstunden möglich.
  • Psychomotorische Hemmung: Depressive fühlen eine starke, intensive innere Unruhe. Trotzdem ist die Bewegung gehemmt.
  • Gewichtsverlust oder Gewichtszunahme sind möglich („Essen aus Verzweiflung“),
  • Verlust des sexuellen Interesses / verminderte Libido

Vitalstörungen

Manchmal treten körperliche Probleme gleichzeitig mit der depressiven Erkrankung auf. Berichtet wird von Schmerzen, aber auch von einem belastenden Druckgefühl auf der Brust. Gleichzeitig sind depressive Menschen eher anfällig für Krankheiten.

Sonstiges

Viele Depressive ziehen sich vollkommen zurück und brechen den Kontakt zu Familie und Freunden vollkommen ab. Das kann über persönliche Kontakte hinausgehen und auch Telefongespräche, E-Mail-Kontakte und soziale Medien betreffen.

Das Denken zeigt sich häufig als stark verlangsamt. Dazu kommt, dass die Gedanken immer wieder um die gleichen Dinge kreisen. Depressive grübeln, ohne einen Ausweg zu finden. Manche sind leicht reizbar und „schlagen um sich“.

Schweregrad der Depression

Man teilt die Depression in folgende Schweregrade ein:

  • Leichte Depression: 2 Hauptsymptome und 2 Zusatzsymptome
  • Mittelschwere Depression: 2 Hauptsymptome und 3 - 4 Zusatzsymptome
  • Schwere Depression: 3 Hauptsymptome und mindestens 5 Zusatzsymptome

Wenn ich nur das als Grundlage nehme, was du hier über dich erzählt hast, kann ich schon etliche dieser Punkte abhaken.

Hilfe bei Depressionen

Es gibt Möglichkeiten, dir zu helfen, damit es dir möglichst bald besser geht. Das kann ambulant mit regelmäßigen Terminen beim Psychiater passieren. Auch Medikamente (Antidepressiva) können eventuell eingesetzt werden. 

Auch wenn es dir sehr schwerfällt: Bitte hole dir Hilfe und habe keine Angst vor den Medikamenten. Du wirst merken, ob sie dir gut tun oder nicht. Man kann Medikamente auch wieder absetzen.

lena2000
lena2000 06.05.2017

Eine Depression ist manchmal schwer zu erkennen. Diese Krankheit kann alle Bereiche deines Lebens betreffen: dein Denken, Fühlen und Handeln, deine Freundschaften und Beziehungen. Nicht immer kommt es soweit, dass sich Menschen umbringen wollen. Manchmal fällt eher risikoreiches Verhalten auf. Da fährt jemand z.B. immer viel zu schnell und riskant oder auf die eigene Gesundheit wird keine Rücksicht genommen (Alkohol- oder Drogenkonsum). Die Ausprägungen einer Depression können sehr unte­­­­­­­­­­­­rschiedlich sein. Männer wirken nach außen hin eher aggressiv und abweisend. Frauen ziehen sich eher zurück und igeln sich ein.

Drei Hauptsymptome, die auf Depressionen hinweisen:

  • Eine niedergeschlagene, depressive Stimmung, die nicht durch positive Erlebnisse oder Ablenkung von außen veränderbar ist, und sich über zwei oder mehr Wochen hinzieht
  • Verlust von Hobbys und Interessen (keine Freude mehr)
  • Müdigkeit und Motivationslosigkeit

Weitere Anzeichen für Depressionen:

Depressive Menschen empfinden kaum noch Gefühle. Sie erleben sich als leer, reglos und innerlich tot. Es fällt ihnen zunehmend schwerer, ihren Alltag zu meistern. Aufgaben werden zwar angefangen, aber nicht erledigt. Sie bleiben einfach liegen. (Beispielsweise wird der Haushalt nicht mehr erledigt. Renovierungsarbeiten bleiben unfertig.) Oft fällt es Menschen mit Depressionen schwer, überhaupt aus dem Bett zu kommen. Der Tag scheint schon beim Aufschlagen der Augen verloren zu sein. Ihr Selbstvertrauen sinkt und die Selbstzweifel steigen. Depressive haben meistens ein sehr negatives Bild von sich selbst, machen sich Vorwürfe und sehen alles extrem negativ gefärbt. Konzentrationsstörungen und Schlafschwierigkeiten sind ebenfalls zu beobachten.

So, wie du deine Situation beschreibst, könnten diese Kriterien bei dir zutreffen. Findest du dich darin wieder?

Weitere Symptome

  1. Wahnvorstellungen & Halluzinationen

Es gibt depressive Episoden, bei denen es zu Wahnvorstellungen und Halluzinationen kommen kann. Betroffene fühlen sich z.B. dauernd verfolgt und beobachtet. Minderwertigkeitsgefühle dominieren das Selbstbild. Sie hinterfragen sich permanent. Man spricht von psychotischen Symptomen. 

  1. Suizidabsichten

Nicht bei allen Menschen, die unter Depressionen leiden, treten Suizidgedanken auf. Aber es kann dazu kommen, dass sich der Betroffene so negativ sieht, die Welt vollkommen schwarz und die Situation hoffnungslos, sodass der Freitod als einziger möglicher Ausweg erscheint. Die Suizidgefahr ist groß. Von den an Depressionen Erkrankten, die einen Suizidversuch unternehmen, sterben 10 – 15 %.

  1. Körperliche Symptome

Depressionen können auch Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit haben. Sie ziehen unter anderem Herz-Kreislauf-Beschwerden, Schmerzen, Heißhunger oder Appetitverlust nach sich. Es kommt vor, dass wegen körperlicher Probleme die Depression, die eigentlich dahinter steckt, unentdeckt bleibt.

isthaltso26
isthaltso26 06.05.2017

Hallo,

ich kann das alles sehr gut nachfühlen, weil ich seit vielen Jahren massiv unter Depressionen leide. Noch vor 2-3 Jahren kam die Depression nur in den Herbst- und Wintermonaten, im Frühjahr und Sommer ging es mir gut. Mittlerweile zieht sie sich allerdings bis auf wenige gute Tage durch das gesamte Jahr.

Bei mir macht sich die Depression vor allem in Perspektivlosigkeit und Antriebslosigkeit bemerkbar. Mir erscheint alles (auch das gesamte Leben) sinnlos und ohne Perspektive zu sein. Kein Lichtblick, wenn ich in die Zukunft schaue. Ich kann da einfach nichts Positives, sondern nur Negatives erkennen.

Bei der Antriebslosigkeit ist es so, dass mir einfach alles zu viel ist. Der Haushalt, arbeiten gehen usw., alles ist so anstrengend. Selbst die Körperpflege hat nachgelassen. Ich bekomme mich einfach nicht aufgerafft, selbst wenn ich was tun will, es geht einfach nicht. Sobald ich irgendwie die Möglichkeit habe, liege ich im Bett und schlafe. Schlafen ist bei mir die Flucht vor negativen Gedanken, die Flucht vor schlechter Stimmung. Und vor allem kann ich der Erschöpfung einfach nachgeben, wenn ich mich hinlege und die Augen schließe. Das tut gut. Ich weiß, dass es die Depressionen noch verschlimmern kann, aber das ist mir egal.

Ich lebe sehr zurückgezogen und habe mich nach und nach von fast allen Freundschaften gelöst. Es ist mir viel zu anstrengend. Ich möchte auch auf keine Feiern, Geburtstage usw. gehen. Am liebsten bin ich ganz alleine. Auch das ist bei einer Depression nicht gut, ich weiß, aber auch das ist mir egal, es geht nicht anders.

Vermutlich gehöre ich schon seit vielen Jahren in eine Therapie (auch medikamentös), aber ich möchte das nicht. Vor allem mit Antidepressiva habe ich so mein Problem. Ich würde solche Medikamente niemals einnehmen.

smartie
smartie 06.05.2017

Ich leide auch unter Depressionen und bin in Behandlung (medikamentös wunderbar eingestellt). Mir hat die jahrelange Therapie geholfen, mit meiner Krankheit umzugehen. Inzwischen nehme ich nur noch Sitzungen bei meiner Psychiaterin in Anspruch, wenn ich sie brauche, weil akut etwas ist. Sonst klappt es ziemlich gut mit den Medikamenten.

Ich habe zum Glück ein stabiles Umfeld. Den Haushalt und den Einkauf könnte ich alleine nicht bewältigen. Ich bin in einer Beziehung, sodass ich damit nicht allein stehe.

Es gibt einfach viele Vorurteile, weil man allgemein doch wenig über Depressionen weiß, obwohl dauernd darüber redet und geschrieben wird. Man erkennt eine echte Depression daran, dass man diese gut gemeinten Ratschläge der Menschen um einen herum nicht befolgen kann. Entweder man schafft es sowieso nicht, sie umzusetzen, oder es bringt nicht. Ich gebe dir ein paar Beispiele aus meinem Alltag. Vielleicht erkennst du dich darin wieder.

Was ich hasse: „Reiß dich doch mal zusammen! Ich bin auch mal schlecht drauf und kriege trotzdem alles hin!“

Wenn ich depressiv bin, was trotz Medikamenten noch vorkommt, nur eben nicht mehr in der Schwere wie ohne, dann hilft mir das überhaupt nicht. Ich fühle mich eh schon schlecht, bin ganz unten und mache mich innerlich völlig fertig. Durch solche Sprüche ist es, als würde auch noch von außen auf mich eingeprügelt. Mit Zusammenreißen ist es einfach nicht getan. Beziehungsweise, das geht einfach nicht. Wenn man depressiv ist, hat man das nicht in der Hand.

Vorurteil 2: „Du bist nur zu faul!“

Ich war beruflich erfolgreich und ganz sicher nicht faul. Aber ich habe es dennoch nicht geschafft, den Abwasch zu machen, staubzusaugen oder den Kühlschrank zu füllen. Irgendwann habe ich mich krankgemeldet. Bei mir lag der Staub zentimeterdick. Gegessen und getrunken habe ich von Geschirr, das ich erst vor Gebrauch kurz mal unter Wasser gehalten habe. Vor ein paar Jahren, vor meiner Behandlung, ging es mir richtig schlecht. Einmal hatte ich wirklich Hunger, schaffte es aber nicht aus dem Haus. Der Kühlschrank war leer. Ich bin dann einfach ins Bett gegangen. Das habe ich ein paar Tage so durchgezogen, bis ich keinen Appetit mehr hatte. An solchen Dingen erkennst du auch eine Depression.

Vorurteil 3: „Antidepressiva machen süchtig!“

Das stimmt nicht. Man ist zwar abhängig in dem Sinne, dass man das Medikament braucht, um die Depression in Schach zu halten. Aber das ist nichts anderes, als wenn jemand hohen Blutdruck hat und dafür täglich eine Tablette einnehmen muss. Die Dosis meines Medikaments wurde nicht erhöht und ich habe auch keine Entzugserscheinungen, wenn ich die Einnahme mal vergesse. (Das kommt vor.) Ich bin immer noch ich selbst, nur die Welt sehe ich einfach vollständiger. Was mich zu einem anderen Menschen gemacht hat, ist die Depression, nicht das Medikament. Es ist nicht mehr alles nur hoffnungslos. Es dauert, bis die Medikamente wirken. Man muss sie über längere Zeit nehmen, um Verbesserung zu erreichen, und natürlich kann man sie auch wieder absetzen. Aber nicht sofort, sondern man muss sie „ausschleichen“.

Ich kann dich nur ermutigen, dir Hilfe zu holen. Psychiater sind hoffnungslos überlaufen. Wenn du nicht anrufen willst, schick ein Fax oder schreib einen Brief. So bin ich an meinen Termin gekommen. Ich habe beschrieben, wie es mir geht, dazu habe ich notiert, wie man mich kontaktieren kann.

Ganz viel Glück, Tanja!

danielhh
danielhh 06.05.2017

Ich möchte Dir ebenfalls raten, Dich einem Experten anzuvertrauen. Das muss einem wirklich nicht peinlich sein, die Depression ist eine Krankheit wie jede andere auch.

Gute Besserung!

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